09. Juni 2026, 17:00 Uhr – 20:30 Uhr in Präsenz in der HSD Hochschule Düsseldorf
Fokusthema
Technik kann viel – Akzeptanz entscheidet – Human-Centered Design als Erfolgsfaktoren für AAL-Lösungen zwischen Innovation, Alltagstauglichkeit und Wirtschaftlichkeit
Veranstalter: SmartHome Initiative Deutschland e.V.
Landesgruppe NRW / Netzwerk West
Prof. Dr. Manfred Wojciechowski (Leiter)
Email: mw@smarthome-deutschland.de Web: Netzwerk West – Smarthome Deutschland Mobil: +49 1573 4586007
Am 9. Juni 2026 fand im Zentrum für Digitalisierung und Digitalität (ZDD) der HSD die 39. SmartHomeNRW-Expertenrunde unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Wojciechowski statt. Thema: „Human-Centered Design als Erfolgsfaktor für AAL-Lösungen – zwischen Innovation, Alltagstauglichkeit und Wirtschaftlichkeit“. 27 Mitglieder und Gäste des Netzwerks nahmen teil, darunter zwei Impulsvorträge von Prof. Alina Huldtgren (HSD) und Prof. Claudia Müller (Universität Siegen). Im neuen, interaktiven Format diskutierten die Teilnehmenden an drei Thementischen.
Thementisch 1: Strukturelle Voraussetzungen für AAL-Lösungen
Im Fokus standen Markt, Entwicklungsprozesse, Ethik und Regulierung. Zwei zentrale Punkte prägten die Diskussion:
- Fehlende Interdisziplinarität: Ingenieurinnen und kaufmännische Bereiche arbeiten oft isoliert – Nutzerinnen werden zu spät eingebunden.
- Förderlücken: Bundesprogramme unterstützen Prototypen, nicht aber die Markteinführung. Viele Innovationen bleiben ungenutzt.
Thementisch 2: Akzeptanz smarter Lösungen
Mit Silke Beisel (77), die die Zielgruppe vertrat, wurden Barrieren identifiziert: Sprachbarrieren (englischsprachige Systeme), Datenschutzbedenken und die Angst vor Verlust von Selbstständigkeit. Als Treiber galt ein einfacher, sozial ansprechender Zugang zur Technik. Besonders diskutiert wurde der Umgang mit Bevormundung: Ältere lehnen direkte Aufforderungen wie „Du musst mehr trinken“ ab, akzeptieren aber Technologien, die das Bewusstsein für Verhaltensweisen schärfen. Einig war man sich über die Notwendigkeit von Personalisierung und Adaptivität, um sich verändernden Bedürfnissen gerecht zu werden.
Thementisch 3: Bedürfnisse, Markt und Regulierung vereinbaren
Betont wurde, dass es keine homogene Zielgruppe gibt – Assistenzbedarfe sind individuell und verändern sich im Laufe des Lebens. Eine zentrale Herausforderung ist der würdevolle Übergang bei zunehmendem Unterstützungsbedarf, der Selbstbestimmung so lange wie möglich erhält. Diskutiert wurden:
- Gesellschaftliche Ansätze: z. B. Demonstrationsräume zum Ausprobieren von Technologien.
- Technische Anforderungen: Flexible Funktionen, adaptive Bedienoberflächen und die Einbindung von Vertrauenspersonen.
- Vertrauen und Datensicherheit: Wie kann Verantwortung im Umgang mit Nutzerdaten vermittelt werden?
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde eröffnete Prof. Dr.-Ing. Christian Ressel die inhaltliche Phase mit einem Vortrag über seine Erfahrungen und ein Vorgehensmodell zur Entwicklung KI-basierter assistiver Systeme für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen.
Er betonte, dass solche Systeme nicht technologiegetrieben, sondern nutzerzentriert entwickelt werden müssen. Der Mensch müsse stets im Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses stehen – von der Bedarfsanalyse über die Gestaltung bis hin zur Erprobung. Nur so könne ein echtes Verständnis für die Bedürfnisse und den Umgang der Nutzerinnen und Nutzer mit den Systemen entstehen.
Im Anschluss stellte Enrico Löhrke von der inhaus GmbH den Einsatz und die Weiterentwicklung von KI-Technologien in den Assistenzlösungen des Unternehmens für Pflege- und Sozialimmobilien vor. Dabei identifizierte er fünf zentrale Anwendungsfelder:
- KI-basiertes Erlernen und Erkennen individueller Alltagsroutinen zur frühzeitigen Anpassung von Pflege- und Betreuungsmaßnahmen,
- intelligente Analyse der Selbstständigkeit und Prognose von Maßnahmen in der Eingliederungshilfe,
- automatisierte Zusammenfassung relevanter Ereignisse mit sprachbasierter Ausgabe für mobile Pflegekräfte,
- prädiktive Analysen zur frühzeitigen Erkennung von Unterstützungsbedarfen und Gefahrensituationen,
- kontextadaptive, sprachgesteuerte Assistenzsysteme mit situativen Handlungsempfehlungen für die Pflegepraxis.
Nach einer kurzen Pause folgte Jakow Smirin vom STARTPLATZ AI Hub Düsseldorf mit einem Ausblick auf zukünftige Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
Auf die Frage, wie die Welt in fünf Jahren aussehen könnte, formulierte er die These, dass künftig jede Person einen persönlichen KI-Agenten besitzen werde, der selbstständig Aufgaben im Hintergrund übernimmt – etwa das Vereinbaren von Terminen. Er verwies auf aktuelle technische Entwicklungen wie das A2A-Protokoll (Agent-to-Agent Communication), das die Kommunikation zwischen KI-Agenten ermöglicht, sowie das Agent Payments Protocol für die automatisierte Abrechnung von Diensten. Mit n8n stellte er zudem ein leistungsfähiges Open-Source-Tool zur Orchestrierung von Agentenprozessen vor. Abschließend thematisierte er die Bedeutung des Edge-Computing, das künftig eine lokale, datenschutzfreundliche Ausführung von KI auf häuslichen Gateways ermöglichen wird.
Den letzten Vortrag hielt Günter Martin, Vorstandsmitglied von SmartHome Deutschland: Couch, Cloud, Compliance – Der AI-Act zu Hause. Er führte in den EU AI Act ein und stellte den Bezug zum Smart-Home-Kontext her. Martin kritisierte die zunehmende Tendenz mancher Lösungsanbieter, Kundinnen und Kunden durch Cloud-Zwang an sich zu binden, etwa durch eingeschränkte Basisversionen oder kostenpflichtige Zusatzfunktionen. Dieses Phänomen, bekannt als „Enshitification“, zeige die Notwendigkeit eines Edge-first-Ansatzes mit möglichst lokaler On-Device-Verarbeitung. Er erläuterte zudem die regulatorischen Rahmenbedingungen für Smart- Home-Lösungen, darunter die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), den Cyber Resilience Act, die RED-Richtlinie sowie den AI Act. Abschließend stellte er die vier Risikostufen des AI Act und die daraus resultierenden Anforderungen an die Systementwicklung vor.
Er schloss mit der Position des SmartHome-Verbands: „Wir wollen, dass Menschen sicher, glücklich und zufrieden in ihrem Smart Home leben und ihm vertrauen können. Dass die Clouds freundlich sind und nicht alles bewölkt ist. Die KI soll ein hilfreicher und verlässlicher Partner sein. Dafür unterstützen wir den AI Act.“
Jeder Vortrag wurde durch eine lebhafte Diskussion begleitet. Die Expertenrunde endete mit einem gemeinsamen Buffet und einem intensiven fachlichen Austausch im Sinne eines aktiven Networkings.