FOKUSTHEMA
Update technische Assistenzsysteme für das Wohnen und die Pflege im Alter –
Stand und Perspektiven für das Ambient Assisted Living (AAL)
Ausgelöst durch veränderte Rahmenbedingungen stehen die Anbieter stationärer und ambulanter Pflege vor neuen Herausforderungen wie gestiegene Betriebsaufwände (z.B. durch höhere Energie- und Personalkosten) und besonders einem gravierenden Personalmangel bei ständig steigenden Clientenzahlen durch den demografischen Wandel. Höchste Zeit also, den aktuellen Stand und die Perspektiven technischer Assistenzsysteme (AAL = Ambient Assisted Living) darzustellen und zu diskutieren. Da AAL-Anwendungslösungen weitgehend auf der SmartHome-Technik basieren, war hier ein interessantes und passendes Fokusthema für die 31. SmartHomeNRW-Expertenrunde gefunden. Mit 50 angemeldeten Teilnehmern war das Interesse hoch, wobei mit 18 Teilnehmer live vor Ort und 22 Teilnehmern online die tatsächliche Teilnehmerzahl niedriger lag. Die Teilnehmer erhielten nach der Veranstaltung wie üblich die Foliensets der Vorträge.
Hier nun ein Rückblick auf die Vorträge und Diskussionen.
Begrüßung und Informationen zum Fraunhofer-inHaus-Zentrum
Wolfgang Gröting, Leiter des Fraunhofer-inHaus-Zentrums, begrüßte als Gastgeber die Teilnehmer/innen; Klaus Scherer für SmartHome-Deutschland, Leiter Netzwerk West („SmartHomeNRW“).
Wolfgang Gröting stellte dann das inHaus-Zentrum vor, das sich aktuell mit den Schwerpunkten SmartHome, AHL (Active Healthy Living) at Home, Hospital Engineering und SmartCare sowie SmartCity in Kooperation mit dem SmartCity Innovation Center Duisburg befasst. Das inHaus-Zentrum hat in diesen Themenfeldern aktuell mehr als 120 Wirtschaftspartner in einem starken Netzwerk. Ein Beispielprojekt ist das „Mittelstand Digital Zentrum Handwerk“ bei dem es um die Digitalisierung im Handwerk geht. Ein weiteres Projektbeispiel. Im Projekt „RuhrBots“ geht es um den Einsatz von Robotern in der Stadtverwaltung. Interessant auch für das Fokusthema der Expertenrunde: „Pflege 2030“ als Leuchtturmprojekt mit Zukunft.
Infos zu SmartHome-Deutschland inkl. Netzwerk West und Sicht von „SmartHomeNRW“ auf das Fokusthema
Leiter Netzwerk West („SmartHomeNRW“) der SmartHome Initiative Deutschland e.V.; ksc@smarthome-deutschland.de; www.smarthome-deutschland.de
Klaus Scherer beschrieb kurz die Aufgaben der SmartHome-Initiative Deutschland als SmartHome-Bundeverband zur Vernetzung der gesamten SmartHome-Wertschöpfungskette. Im Regionalbereich löst das Netzwerk West („SmartHomeNRW“) diese Aufgabe hauptsächlich durch Expertenrunden zu bestimmten Fokusthemen. Weitere Infos zum Netzwerk West inkl. der Rückblicke auf die vergangenen Expertenrunden: SmartHome Netzwerk West – Smarthome Deutschland (smarthome-deutschland.de). HINWEIS: für weitere Expertenrunden werden laufend Fokusthemen und dazu passende Referent/en/innen gesucht. Interessenten melden sich bitte bei Klaus Scherer unter ksc@smarthome-deutschland.de
Einstieg in das Fokusthema
Wolfgang Gröting und Klaus Scherer
Nach einem Definitionsansatz für AAL als assistierende Techniklösung für mehr Selbstständigkeit und Sicherheit beim Seniorenwohnen und zur Entlastung der im Pflegeprozess Aktiven wiesen die Referenten auf die Schwierigkeiten der Koordination der vielen AAL-Institutionen und -Projekte hin. Beispiele: Deutsche Normungsroadmap AAL (Ambient Assisted Living); Arbeitsgruppe Digitalisierung in der Pflege beim Bundesverband Gesundheits-IT; AAL-Akademie usw.. Dazu wurden Fragen wie body-area-Technik und/oder ambiente Technik und mögliche Zukunftstrends behandelt. Hinzu kamen Informationen zu Projekten im Fraunhofer-IMS und im Markt inkl. der Weiterentwicklung des klassischen Hausnotrufs zu einem AAL-System.
Vorträge der Experten, Rundgänge Anwendungslabore und Ausklang
Der alte Patient wird zum Normalfall – Chance oder Notwendigkeit von technischen Assistenzsystemen
In einem interessanten und fachlich fundierten Vortrag erläuterte Dr. Wolfrid Schröer, Chefarzt der Klinik für Geriatrie/Altersmedizin, SANA Klinken Duisburg entlang der Zahlen und der Folgen des demografischen Wandels die Chancen und die Notwendigkeiten technischer Assistenzsysteme in der Betreuung pflegebedürftiger alter Bewohner und Patienten. Dabei zeigte er die Chancen, aber auch die Risiken auf. Eine Zahl war besonders beeindruckend: während im Jahr 1970 nur 484 über Hundertjährige lebten, waren es im Jahr 2020 schon fast 20.000 ! Nachdenklich stimmten auch die erheblichen prognostizierten prozentualen Zunahmen von typischen Krankheiten im Alter in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Herausstechend dabei die Zunahmen bei Demenz und Sturzfolgen. Besonders herausfordernd sieht er die Folgen von Verwirrtheit bei Demenz. Eine Assistenzmöglichkeit: Sensorik und GPS zur Erkennung von Herumirren in Einrichtungen und Außenbereichen. Wichtig sind auch Orientierungshilfen aller Art. Dazu zählt auch circadianes Licht im Innenbereich das den farblichen Verlauf von Licht über den Tag simuliert. Zur Sturzprävention gehen die Empfehlungen in Richtung einer sensorischen Früherkennung über eine Ganganalyse. Fazit: technische Hilfen sind notwendig und werden in der Zukunft unbedingt notwendig sein.
Durch Unterstützung von Assistenzsystemen dem Personalmangel in Pflegeheimen entgegentreten
Eine Darstellung aus der Praxis
Im Vortrag von Frau Bettina Vootz, AWOcura gGmbH und Alzheimer Gesellschaft Duisburg, ging es zunächst um Informationen zu den Tätigkeitsfeldern der AWOcura: Servicewohnen, Hausnotruf, Ambulante Pflege, Tagespflege und Stationäre Pflege. Als besondere Herausforderung sieht sie einen wachsenden Bedarf an Pflegefachpersonal bei gleichzeitigem Fachkraftmangel. Der demografische Wandel ist auch hier der größte treibende Faktor. Also sinnvolle technische Assistenz sieht sie die Verringerung der Belastung der Pflegekräfte, eine digitale Pflegedokumentation, auch zur Prozessoptimierung, den Einsatz von Telecare, also die Erreichbarkeit von Pflegebedürftigen auch aus der Ferne, ebenfalls zur Entlastung der Pflegekräfte. Der Einsatz von Robotik darf allerdings nicht die Zuwendung ersetzen. Ansonsten sieht Frau Vootz die gesamte übliche Palette der AAL-Komponenten als potenziell nützlich an. Allerdings sieht sie folgende kritische Punkte: Der Markt für technische Assistenzsysteme ist derzeit unübersichtlich. Viele Fragezeichen gibt es zum Beispiel zu Prozessen, zu rechtlichen Vorgaben und Finanzierungsmöglichkeiten und die Benutzerfreundlichkeit ist aus ihrer Sicht bei aktuell verfügbarer AAL- Technologien häufig noch mangelhaft und die Fehlerhaftigkeit hoch. Für eine betriebswirtschaftliche Auswertung werden geeignete Kennzahlen zum Einsatz digitaler Assistenzsysteme benötigt. Das ist unabdingbar notwendig als Argumentation- und Überzeugungshilfe. In Abhängigkeit der individuellen Pflegesituation muss es möglich sein, Assistenzsysteme modulartig hinzuzuschalten.
Und: eine technisch unterstützte Pflege wird es nur geben, wenn digitale Lösungen endlich zur anerkannten Grundausstattung gehören und nicht ständig über Modellvorhaben in die Unternehmen hineinprojektiert werden müssten. Digitale Pflegeanwendungen für Betroffene müssen ohne zeitraubende und unübersichtliche Antragsverfahren zu bezahlbaren Preisen zugänglich gemacht werden. Zudem müssen auch ergänzende digital-virtuelle Betreuungsund Pflegeangebote in den Leistungskatalog aufgenommen werden, wenn Sie in das Versorgungssetting komplementär eingebettet werden. Zentraler Punkt ist, aus der Denke von Modellprogrammen und -projekten herauszukommen. Immer wieder die gleichen und vergleichbaren Erkenntnisse ohne Verstetigung zu finanzieren, ist eine Fehlkalkulation knapper Mittel. Wir brauchen endlich eine Regelfinanzierung für die Umsetzung.
Ambiente Assistenzsysteme in der Praxis
Mehrwerte für Pflege- und Betreuungskräfte durch intelligente, unauffällig agierende Gebäudetechnik.
Im Vortrag von Heike Fuchs-Perszewski, Teamleitung AAL des Sozialwerks St. Georg Bauen und Wohnen GmbH und Enrico Löhrke, Geschäftsführender Gesellschafter der inHaus-GmbH ging es darum zu zeigen, wie Technikeinsatz in der Praxis dazu beitragen kann, die eigenen Prozesse kosteneffizienter zu gestalten, den Anforderungen auch von jungen Nachwuchskräften gerecht zu werden, um sowohl die aktuelle Pflege- und Betreuungsqualität trotz steigendem Fachkräftemangel mindestens aufrecht zu erhalten, als auch die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Die Kernaussage: es geht nicht um AAL oder die Digitalisierung, sondern um die Sicherstellung und die Zukunftsfähigkeit der Pflege / Betreuung. Technik / Digitalisierung ist dabei nur Mittel zum Zweck! Im Trendbarometer Pflege 2022 der Bank für Sozialwirtschaft werden die größten Probleme bei den steigenden Kosten für Energie, Sach- und Lebensmittel sowie beim Personalmangel verortet.
Es folgten dann Informationen aus 16 Jahren AAL-Praxiseinsatz, besonders in den Einrichtungen des Sozialwerks St. Georg. Bei den Technikinstallationen der inHaus-GmbH wurde besonders auf minimale Infrastrukturanforderungen, schnelle, einfache und unauffällige Integration 4 (mittels Klettbandmontage / oder flächenbündiger Einbau) geachtet. Konkrete Komponenten und Funktionen: Unterstützung der Alltagsabläufe z.B. mit automatischer Herdabschaltung, orientierendes Nachtlicht mit Automatik. Hinzu kommen weitergehende AAL-Funktionen wie automatische Situationserkennung wie Sturz, nächtliche Unruhe und Erkennung von Tendenzen, auch mit KI-Software. Ergänzend gibt es Kopplung mit Hausnotruf und mit der Pflegedokumentation und natürlich Circadiane Lichtsysteme. Auch selbstverständlich sind Ergänzungen durch normale SmartHome-Komponenten wie Jalousien- und Heizungssteuerung (auch mit Energieeffizienzfunktionen).
Konkrete Nutzeffekte konnten in der Praxis nachgewiesen werden durch eine halbautomatische Pflegedokumentation durch die Kopplung der Pflegedokumentationssoftware mit den AAL-Funktionen. Die Reaktionszeit auf Problemsituationen konnte um 90% verringert werden, der Personalaufwand in der Nacht um 28% und insgesamt der Personalaufwand um 2-3 Kräfte. Besonders vielversprechend ist eine elektronische Unterstützung der tagesaktuellen Personaleinsatzplanung über die Standorte eines Pflegeunternehmens hinweg, je nach aktuellem Bedarf und den Möglichkeiten des Standorts.
Weitere Informationen finden sich auf der Internetseite www.wohnen-braucht-assistenz.de auf der auch ein virtueller Rundgang durch eine AAL-Musterwohnung zu finden ist.
Virtueller Rundgang Musterwohnung Sozialwerk St. Georg in Neukirchen-Vlyun (Enrico Löhrke)
Der über die Website Wohnen Braucht Assistenz (wohnen-braucht-assistenz.de) erreichbare virtuelle Rundgang durch eine AAL-Musterwohnung wurde von Enrico Löhrke demonstriert und kommentiert. Es gibt dabei zugeschnittene Informationen für die Entscheider, Planer und Anwender von AAL-Lösungen. Gegenüber einer rein textuellen Informationen hat der virtuelle Rundgang eine wesentlich größere Anschaulichkeit und Eindrücklichkeit.
Live und online Podium: Diskussionsrunde der Referent/en/in mit den Teilnehmer/n/innen
Moderation: Wolfgang Gröting und Klaus Scherer
In einer Runde der Referent/en/innen ergänzt durch die Gastexpertin Frau Dr. Bettina Horster von VIVAI AG wurden einige in den Vorträgen offen gebliebene Fragen und einige interessante Ideen für neue Ansätze diskutiert. Bemerkenswert waren besonders die Themen „Nutzenbehauptungen oder Nutzenbeweise ?“ und „Reduzierung von Personalmangel durch AAL-Anwendungslösungen ?“
Live Rundgang AAL-Labor Fraunhofer-inHaus-Zentrum im inHaus1 (Wolfgang Gröting)
Wolfgang Gröting führte mit seinem Team durch die 2001 eröffnete inHaus1-Anlage für die Entwicklung, den Test und die Demonstration von innovativen SmartHome Systemlösungen. Nach einer Aktualisierung in letzter Zeit sind die Inneneinrichtung und die Technik in beiden Hälften der Anlage jetzt besonders auf die Bereiche AAL und Komfortwohnen fokussiert.
Anschließend gab es im inHaus1 einen Ausklang mit Imbiss, Meinungsaustausch und mit Netzwerken.